für meine Frau, die jeden Tag wartet

Nichts bleibt in deinem Namen, nichts
als auf mich zu warten, mit dem Staub in unserem Haus,
Schicht auf Schicht,
in jeder Ecke, du willst
die Vorhänge nicht aufziehen,
denn das Licht soll die Stille nicht stören

auf den Bücherregalen sind die Handschriften mit Staub bedeckt,
die Muster der Teppiche atmen Staub,
wenn du mir einen Brief schreibst
und die Liebe kommt zu mir,
die der Füller in den Staub getaucht hat,
füllen sich meine Augen mit Schmerz

den ganzen Tag sitzt du da
und wagst nicht, dich zu bewegen
aus Furcht, deine Fußspuren könnten die Staubdecke zerstören,
du versuchst, deinen Atem zu kontrollieren
und die Stille dazu zu benutzen, eine Geschichte zu schreiben.
In Zeiten wie diesen
ist der erstickende Staub
der zuverlässigste Freund

dein Blick, Atem und Zeit,
durchdringen den Staub,
in der Tiefe deiner Seele
füllt sich das Grab
Zentimeter um Zentimeter,
von den Füßen zur Brust
zur Kehle
du weißt, dass das Grab
dein bester Ruheplatz ist,
dort wartest du auf mich,
ohne den leisesten Anflug
von Furcht oder Erschrecken,
deshalb ist dir der Staub lieber,
dunkles, stilles Ersticken,
du wartest, du wartest auf mich mit dem Staub

du weist das Sonnenlicht zurück und die Spiele der Luft,
lass dich einfach vom Staub begraben,
schlaf ein im Staub
solange bis ich zurückkehre
um dich wieder aufzuwecken
und den Staub von deiner Haut und deiner Seele zu wischen.

Welch ein Wunder – zurück von den Toten.

9.April 1999

Liu Xiaobo (*1955)

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